Vom schweigenden Leben einer disziplinlosen Quasselstrippe im Meditationsknast

Dhamma Java IndonesiaEine der intensivsten, außergewöhnlichsten und härtesten Erfahrungen seit Langem liegt hinter mir. Zehn Tage in Stille und ohne jegliche Störungen von Außerhalb beim Vipassana Meditationskurs auf der Insel Java in Indonesien.

Die Zeit hier war härter, als ich es mir je vorgestellt hatte. Aber an Aufgeben war nicht zu denken. Zu Beginn des Kurses, muss man den Kursbedingungen zustimmen und man wird darüber informiert, dass mit Zustimmung und Teilnahme am Kurs, kein vorzeitiges Abbrechen möglich ist. Es kam daher gar nicht in Frage, darüber nachzudenken, zu gehen.

Was mir so schwer fiel? Das Gefühl und die Tatsache, kompletter Isolation von der Außenwelt. Mit Niemandem reden zu können, mich mit nichts von der Tatsache ablenken zu können, dass ich hier bin, um mich zu konzentrieren. Auf mich zu konzentrieren.

Ich habe mich zu diesem Kurs anzumelden, weil ich lernen wollte, mehr im Moment zu leben. Meinen Geist und meine Gedanken zu kontrollieren. Ich fand es äußerst ermüdend, anstrengend und störend, in jeder Minute des Tages an Vergangenes oder Künftiges denken zu müssen, statt einfach den Moment, das Hier und Jetzt, mit allen Sinnen, zu erleben. Immerzu Pläne schmieden und an vergangene Situationen denken. Ich selbst, wollte entscheiden, wann ich mir dafür die Zeit nehme. Stattdessen werde ich von meinem Geist kontrolliert, der ohne Unterlass, wie eine Maschine, in meinem Kopf rattert. Ihr kennt das sicher alle. Durch die Meditation erhoffte ich mir ein Werkzeug, mit dem ich genau das erlernen kann.

Mir war nicht mal ansatzweise bewusst, wie schwer es ist, über einen längeren Zeitraum regungslos zu sitzen und mich auf so etwas Banales, wie meinen Atem oder mein Körpergefühl zu konzentrieren. Ich hatte es nie zuvor bewusst und ernsthaft versucht. Drei Tage (42 Meditationsstunden) benötigte ich, um zum ersten Mal für 30 Minuten regungslos zu sitzen und konzentriert auf meine Atmung bleiben zu können. Ein Schwerstakt! An Tag 7 habe ich alle drei Gruppenmediationen á 1 Stunde regungslos und konzentriert durchgestanden. Ich war so stolz auf mich. In den letzten drei Tagen des Kurses, hatte dann wieder mein redseliger Geist die Oberhand und an wirkliche Konzentration, bzw. Meditation, war nicht mehr zu denken.

Dhamma Hall

Ich konnte nachts teilweise nicht eine Minute schlafen und länger als 1-2 Stunden waren unmöglich. Die Tatsache, dass ich mein aktives Wesen, mit nichts auspowern konnte, hielt mich durchgehend wach. Nicht einmal die andauernde Langeweile hat mich schläfrig gemacht.

In meiner 5. Nacht hier, fand ich Stift und Papier in meinem Rucksack und hatte von da an, einige (eigentlich verbotene) Schreibattacken. Die Resultate möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten.

Aus dem Tagebuch einer gelangweilten Meditationsschülerin:

Teil 1 (Tag 5, nachts):

Und wieder einmal lerne ich etwas über mich selbst. Ich bin definitiv auf irgendeine Art hyperaktiv.

Jeden Morgen um 4 Uhr werden wir per Gong geweckt. Um 4.30 Uhr beginnt die erste zweistündige Meditation, direkt im Anschluss gibt es um 6.30 Uhr Frühstück. Jeder schlägt sich ordentlich den Magen mit Dingen voll, die nur dazu da sind, satt zu machen. Ich ertränke mein Essen hier meist in Chilisoße, in der Hoffnung, jeglichen Geschmack mit der Schärfe abzutöten. Da mein Schärfeschmerzpunkt jedoch durch jahrelanges Training seit Kindheitstagen, jenseits von Gut und Böse liegt, gelingt es mir nur bedingt, die Schärfe über den Geschmack zu bringen. Bis zum Mittagessen um 11 Uhr, was auch das letzte Mahl des Tages darstellt, liegen bereits 5 Stunden Mediation hinter mir. Zwischen den Meditationen gibt es immer kleine Ruhepausen. Doch was tun in diesen Ruhepausen? Einmal täglich eine kurze Dusche, da wir Wasser sparen sollen. Beim Essen halte ich mich auch nur so knapp als nötig auf. Edle Stille ist das 1. Gebot hier, was bedeutet: nicht Reden, kein Blickkontakt zu Anderen, keine Gesten, also jegliche Kommunikation zu Anderen ist untersagt. Dies führt dazu, dass alle auf den Boden starren und verschämt und hastig weg schauen, wenn sich doch einmal die Blicke treffen. Jegliche elektronische Geräte, Bücher, Stifte, Papier etc., alles mit dem man sich beschäftigen, bzw. ablenken könnte, musste man zu Beginn abgeben. Also mit was beschäftigen? Die ersten zwei Tage dachte ich mir noch – ein Traum! Schlafen bis zum Umfallen, was ich ausgiebig in jeder Ruhepause zelebriert habe. Bis mir dann klar wurde: tagsüber schlafen, schön und gut, und nachts? Um 21 Uhr endet die letzte Meditation und um 21.30 Uhr heißt es: Licht aus! Und da beginnt mein Dilemma! Seit Tag 3 habe ich es mir verboten tagsüber zu schlafen, da ich die ersten zwei Nächte, bis zum Wecken wach war. Wenn ich Glück habe, schaffe ich es, um 2/3 Uhr nachts aus lauter Langeweile einzuschlafen. Müde? Keineswegs! Von was denn auch? Das Meditieren ist schon geistig anstrengend, aber mit den ganzen Ruhepausen absolut verkraftbar. Es gibt hier einfach nichts, um mich müde zu bekommen. Das Gelände darf man auch nicht für Spaziergänge verlassen, was dazu führt, dass alle auf dem kleinen begrenzten Gebiet im Kreis hinter einander her laufen. Ein Anblick wie im Gefängnis. Jegliche sportliche Übungen sind ebenfalls verboten. Heute ist Nacht 5 und ich habe voller Verzweiflung eine zusätzliche Stunde in der leeren Meditationshalle meditiert, oder es jedenfalls erfolglos versucht. Dies mache ich nun bereits die dritte Nacht in Folge. Danach bin ich 20 Minuten im Zeitlupentempo mit vielen Stopps, über das totenstille (was es auch tagsüber ist) und menschenleere Gelände spaziert. Habe voller Sehnsucht auf die in der Ferne funkelnde Stadt geschaut und mir vorgestellt, dass es dort Bücher, Musik, PCs und Smartphones gibt. Habe dann wehmütig meinen „nervenaufreibenden“ Spaziergang beendet, weil ich Angst vor Skorpionen und großen Spinnen im Dunkeln hatte. Zurück in meinem Einzelzimmer – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön ans Universum! (Meine anfängliche russische Zimmergenossin, hat sich in ein Einzelzimmer verlegen lassen, was mir ein Ebensolches beschert hat), habe ich voller Hoffnung meinen Rucksack nach irgendetwas Unterhaltsamem seziert und fand: (und wieder gilt mein voller Dank dem Universum!) Papier und Kugelschreiber!!! Ich werde zwar dafür in der Meditations-Hölle landen, aber die Alternativen, finde ich Deprimierender .Es gab noch Nadel + Faden zur Auswahl, ein Schweizer Taschenmesser, mit dem ich meinem liebsten Hobby: dem Schnitzen, nachgehen hätte können – NICHT!! Und mein Maniküreset, das ich mir als As im Ärmel für die kommenden Tage aufgehoben habe.

So kommt Ihr jetzt also in den Genuss dieses actiongelandenen und abenteuergefüllten Berichtes von der vordersten Meditationsfront! Keine Ahnung wie meine Meditationsgenossen um Punkt 21.30 Uhr ins Schlafkoma fallen können. Ich könnte Bäume fällen, Berge besteigen oder die Bundesjugendspiele absolvieren.

Teil 2 (Tag 6 vormittags):

Die Mauer: Als Deutsche ist es ja nicht allzu ungewöhnlich, mit einer Mauer, die die Heimat teilt, zu leben. Hier geht diese Mauer ebenso einmal quer durch das Gelände und es ist strengstens untersagt, die andere Seite zu betreten. Der Feind hinter der Mauer, der uns hier den Verstand verschmutzen könnte, ist das andere Geschlecht. Hinter der Mauer wohnt der Mann! Diese Mauer durchzieht sogar den Speisesaal, so dass es nur möglich ist, die verbotenen Äpfel, in der Mediationshalle über den Gang hinweg, in weiter Ferne, zu betrachten. Nicht, dass dort der Traum meiner schlaflosen Nächte (diese Floskel bekommt hier eine komplett neue Bedeutung) auf mich warten würde, aber diese endlose Verbotsliste hier, macht nach fünf Tagen alles „Böse“ interessant. Frei nach dem Motto: „Du darfst den roten, großen Knopf nicht drücken“, frage ich mich, warum machen die den Knopf dann überhaupt rot und montieren ihn am besten noch auf einer gelben Platte. Wieso den Knopf nicht einfach an einem Geheimversteck platzieren?

Teil 3 (Tag 6 nachmittags):

Mein Rücken!!! Ich halte es kaum noch aus auf dem Boden zu sitzen ohne mich anlehnen zu können. Meine Rückenschmerzen bringen mich fast um, nach nunmehr fast 80 Stunden Meditation auf einem Sitzkissen. Der Schmerz ist so schlimm, dass ich mich kaum noch auf die Meditation konzentrieren kann. Es ist verboten, während der einstündigen Gruppenmeditationen, Arme, Beine oder Augen zu öffnen, was heißt, man darf nicht einmal die Sitzposition wechseln. Ich habe daher heute die Lehrerin gefragt, ob ich mich an die Wand setzen darf, damit ich mich anlehnen kann. Es wurde abgelehnt. Sie erklärte mir, es sei wichtig, trotz Schmerzen konzentriert auf die Meditation zu bleiben. Ich soll mir einfach darüber bewusst sein, dass Schmerzen vergänglich sind. Sie kommen und gehen. Ich hasse diesen Ort! Kein Schlaf, kein Austausch mit Anderen, dafür Verbote ohne Ende.

Teil 4 (Tag 6 nachts):

Meine kleine Schwester und Sitznachbarin „Neus Perello“: Seit Beginn des Kurses sitzt neben mir ein wunderschönes Mädchen, die ich von der ersten Minute an, ins Herz geschlossen hatte. Trotz Stille und Kommunikationsverbot, hatte ich sie sofort gerne und das Gefühl, sie wäre meine kleine Schwester. Am Abend des vierten Tages, konnte ich nicht widerstehen und flüsterte ihr nach der letzten Abendmediation ein leises „Good Night“ zu, das sie mit einem Strahlen erwiderte. Seither begrüßen wir uns morgens und verabschieden uns abends. Heute Abend haben wir sogar zwei Sätze miteinander gesprochen. Was eine Wohltat! Heute früh, habe ich ihr ein Blümchen auf Ihr Sitzkissen gelegt und sie hat sich riesig darüber gefreut. Endlich habe ich eine Freundin hier und das lässt mein Herz hüpfen.

Neus Tanja

Teil 5 (Tag 7 vormittags):

Heute Morgen habe ich eine Mandarine aus dem Speisesaal mitgehen lassen. Wieder eine Regel gebrochen! Wie sollte es auch anders sein, aber es ist untersagt, Essen außerhalb des Speisesaals zu haben. Dieses orangene, leuchtende, saftige Etwas, war allerdings so verführerisch (und war mir zudem zugeteilt), dass ich einfach nicht widerstehen konnte. Ich habe sie zwischen meinen Kleidern im Nachttisch versteckt, für die kommende schlaflose Nacht. Ich freue mich diebisch mein Raubgut heute Nacht zu verköstigen.

Teil 6 (Tag 7 vormittags):

Ich habe eine „Beziehung“ mit einem verbotenen Apfel aka Mann: Seit 2 Tagen starrt mich in den kurzen Pausen zwischen den Meditationen, in der Meditationshalle ein indonesischer, gutaussehender Mann an. Mittlerweile starren wir uns gegenseitig an und zwinkern uns zu. Heute hat er mir in der fast leeren Meditationshalle mit seinem Namensschild, das neben jedem Meditations-Bodenkissen liegt, zugewunken. Er kam damit in meine Richtung gelaufen, ohne natürlich die Grenze zwischen Mann- und Frau- Bereich zu überschreiten. So habe ich mein Schildchen ebenfalls genommen und wir haben uns unsere Namensschilder an der Grenze gezeigt. Ich muss sagen, ich war sehr überrascht über seinen mutigen Vorstoß und daher etwas mit der seltsamen Situation überfordert. Plötzlich fragte er auch noch „Russian?“, ich antwortete völlig perplex „German!“ und drehte mich sofort um und lief schockiert zu meinem Sitzkissen zurück. Wie sollte es auch anders sein, der Sheriff (eine indonesische, kleine Frau, die hier der Oberbefehlshaber und immer auf der Ausschau nach Regelbrechern ist), hat die Szenerie gesehen und mich nach der Meditation darüber informiert, dass Kontakt zum anderen Geschlecht absolut verboten sei. Als hätte ich das nicht selbst gewusst!

Teil 7 (Tag 7 nachmittags):

Hier gibt es eine Schülerin, die mich jedes Mal dazu veranlasst, innerlich den Kopf zu schütteln. Sie setzt beim Gehen, eigentlich wandelt sie, einen Schritt, in einer bedächtigen Art und Weise, nach den Anderen. In meditativer Anmut und einem Tempo, dass mir beim Zusehen fast das Gesicht einschläft. Ich habe sie leider nie beim abendlichen Zähneputzen erwischt, was ich mir besser als jeden Prime Time Movie vorstelle. Wenn sie in gleicher Art und Weise Zähne putzt, wie sie geht, dann fallen die Pranken vor Karies aus, bevor sie sauber sind.

Anmerkung der Autorin: Niemals im Leben wollte ich meinen Sarkasmus missen wollen. Ich würde das dieser Frau niemals ins Gesicht sagen und sie damit verletzen wollen. Wenn sie mit ihrer Art durchs Leben zu gehen glücklich ist, ist das wundervoll und ich wünsche ihr, dass sie niemals diese unbändige Energie in sich verspürt, die mich durchgehend durchströmt. Für mich wäre es die Hölle mich in dieser meditativen Stille durchs Leben schieben zu müssen. Ich bin die Person, die ungeduldig auf die nächstbeste Gelegenheit wartet, diese Frau zu überholen.

Teil 8 (Tag 8 vormittags):

Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass ich mich auf diese Art und Weise einmal über einen heftigen Regenschauer freuen würde. Nicht, weil es etwas abkühlt bei den schwül warmen Temperaturen hier. Nein! Weil ich dann endlich mal, aufgrund des Geräuschpegels, ein Liedchen vor mich hin pfeifen, oder laut „So ein Scheiss“ sagen kann. Wirklich bescheuert, über was sich so eine Quasselstrippe, wie ich es bin, freuen kann. Ich muss jedes Mal selbst über mich lachen, wenn ich dem „So ein Scheiss“, gleich ein zweites, amüsiertes „So ein Scheiss“ hinter her schicke.

Teil 9 (Tag 8 abends):

Nachdem mir Neus gestern ebenfalls ein Blümchen aufs Sitzkissen gelegt hat, habe ich heute beim Spazieren gehen, zwei wunderschöne große abgefallene Blüten auf dem Boden gefunden. Ich habe sie für mich und für sie mitgenommen und neben unsere kleine Ansammlung an Blüten in der Meditationshalle auf dem Boden platziert. „Der Sheriff“ hat mich heute Nachmittag dafür in die Senke gestellt. Es ist verboten Blüten von Ihrem natürlichen Ort zu entfernen. Ich habe ihr erklärt, dass ich die Blüten nicht gepflückt hatte, da ich bereits eine Ahnung hatte, dass das verboten sein könnte. Sie lagen nach einem Sturm auf dem Boden und daher habe ich sie mitgenommen. Eine Stunde später kam sie erneut zu mir und sagte mir, dass sie sich erkundigt habe. Auch das wäre verboten. Die Blüten müssen in ihrer natürlichen Umgebung verbleiben. Was für ein grandioser Schwachsinn! In meiner verständnislosen Fassungslosigkeit, habe ich also die Blüten genommen und sie wieder unter den Baum gelegt. Also echt… Mir fehlen die Worte! Die haben Probleme hier!

Teil 10 (Tag 8 nachts):

Ich habe das Gefühl ich erleide in der nächsten Stunde einen Bandscheibenvorfall! Mein Geist ist am Dauerjammern und die Schmerzen bringen mich fast um! Nicht einmal Liegen beruhigt meinen gemarterten Rücken!

Teil 11 (Tag 9 vormittags):

Der Sheriff hat mich erneut beim Regelbrechen erwischt. Dieses Mal, als ich dabei war in mein kleines Heftchen zu schreiben. Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als sie plötzlich vor mir stand. Sie verlangte, dass ich ihr mein Heft und meinen Stift aushändige. Ich habe mich geweigert. Sie war völlig perplex von meiner Reaktion und ich ließ sie einfach stehen. Was soll ich sagen? Auf gar keinen Fall lass ich mir meinen Rettungsring entwenden. Komme was wolle! Ich bin mir sicher, sie ist direkt zur Lehrerin gelaufen, aber bisher ist nichts Weiteres geschehen. Ich glaube, ich bin nicht ihre beste Freundin.

Teil 12 (Tag 10 vormittags):

Es ist nichts Weiteres geschehen. Vor lauter Panik, der Sheriff könnte mich erneut beim Schreiben erwischen, habe ich mein Heftchen und meinen Stift versteckt und erst eben wieder ausgepackt. In einer Stunde wird das Kommunikationsverbot für den Rest des Kurses aufgehoben und ich kann es kaum erwarten endlich mit Neus, meiner Schwester und Lucky, meinem Freund zu reden.

Teil 13 (Tag 10 nachts):

Woooooow! Mein Kopf platzt fast vor Kopfschmerzen. Der Geräuschpegel nach Aufhebung der edlen Stille war unfassbar laut. Alle haben wild durcheinander geredet, ständig hat man sich mit anderen unterhalten. Alle waren sichtlich froh, endlich wieder reden zu können und waren unendlich mitteilungsbedürftig. Allem Voraus ich selbst. Ich habe wie ein Wasserfall ohne Pausen geschnattert und es tat soooo gut! Neus ist großartig! Wir haben uns verabredet, morgen das Gelände gemeinsam zu verlassen und da wir beide am Abend am Flughafen in Jakarta sein müssen, den letzten Tag gemeinsam zu verbringen. Auch Lucky, der in Jakarta wohnt,  will uns begleiten. Leider ist bei mir jegliches Kribben im Bauch verschwunden, nachdem wir das erste Wort gewechselt hatten. Die ungewöhnliche Situation hatte diese 5 tägige „Beziehung“ so aufregend für mich gemacht. Ich hatte das bereits vermutet. Nichts destotrotz ist er ein sehr netter und symphatischer Mensch und ich bin im so dankbar, dass er mir neben Neus, die Zeit hier so versüßt hat. Er hat mir eine Serviette gegeben, auf der er mir Tage zuvor eine Nachricht zukommen lassen wollte, aber er fand keinen Weg mir diese zu geben. So süß! (Bin ich also nicht der einzige Regelbrecher im Meditationsknast!)

Serviette

Bis zwei Uhr nachts hielt das Getratsche außerhalb der Meditationen an und der Frauentrakt war komplett in Aufruhr. Es war aufregend, die Anderen endlich kennenzulernen, von denen man bisher nur die Gesichter und die Namensschilder kannte. Doch jetzt möchte ich nur die Augen schließen und schlafen. In einer Stunde ist schon wieder wecken und die letzte Meditation des Kurses beginnt.

 Vipassana JavaMittlerweile sind zwei Tage vergangen. Ich hatte tolle Gespräche mit Neus an unserem letzten Tag und bekam heftig Fieber auf dem Flug nach Thailand und in der ersten Nacht nach dem Kurs. Seit gestern Mittag geht es mir wieder einigermaßen gut und den heutigen Morgen habe ich dazu genutzt, meine handschriftlichen Aufzeichnungen, die ich während des Kurses schrieb, abzutippen.

Hier nun mein endgültiges Fazit:

Der Kurs war eine der schwierigsten, härtesten und intensivsten Erfahrungen, die ich seit Langem gemacht habe. Ich bin überzeugt, dass Vipassana Meditation für viele Menschen eine Bereicherung und Hilfe in Ihrem Leben darstellt. Vipassana lehrt, anderen Menschen mit Liebe und Wohlwollen zu begegnen und durch viel Praxis und befolgen der Regeln, Stück für Stück dem Pfad der eigenen Erleuchtung zu dienen. Die höchste Form dieser Lehre ist es einen Status zu erreichen, den auch Buddha oder Jesus Christus erreicht hatten. Auf jegliche Aversionen/Abneigungen und Begierden/Verlangen, die wir verspüren, mit Gleichmut zu reagieren. Und damit die Praxis der reinen Liebe, reinen Zufriedenheit und Zuversicht zu erlangen. Das ich-bezogene Dasein aufzugeben. Im Grunde eine lobenswerte Art zu leben. Das Ganze hat nichts mit Religion oder Glaubensgemeinschaften zu tun. Jeder Mensch, kann diesen Weg leben und für sich einschlagen. Er verspricht, die Auflösung jeglichen Leidens. Siddhartha Gautama, alias Buddha, fand so zur eigenen Erleuchtung und lehrte diese Methode vielen Menschen, die über viele Jahrtausende in seiner reinsten Form weiter übermittelt wurde. Es ist ein langer, steiniger Weg, um auf den höchsten Ebenen anzukommen und somit mit viel Geduld und Hingabe verbunden.

Viele Aspekte dieser Lehre, erkannte ich, in meiner eigenen Art und Weise mein Leben zu leben, wieder. Und dennoch habe ich für mich beschlossen, mit dem Ende dieses Kurses, das Thema Vipassana erst einmal für mich abzuschließen.

Warum? Das Modell „Tanja 36.4“ ist meines Erachtens ein Prachtstück. Natürlich muss ich immer noch am Finetuning schrauben und es gibt weiterhin viel Neues für mich dazu zu lernen, so dass ich gewillt bin mich immer weiter zu entwickeln. Aber Stand jetzt, könnte ich nicht zufriedener oder glücklicher sein mit dem was ich bin und wie ich lebe.

Meditieren ist für mich eine reine Qual. Ich bin viel zu aktiv, zu abenteuerlustig und zu ungestüm, um dies ernsthaft, zweimal täglich für eine Stunde, in mein Leben integrieren zu können. Dies würde für mich bedeuten, ich müsste ruhiger und entspannter werden. Aber ganz ehrlich? Ich möchte nicht ruhiger werden. Ich liebe es so viel Power und Motivation zu haben, die mich oft übers Ziel hinaus schießen lassen. Ich möchte meine Gefühle ausleben. Ich möchte aus ganzem Herzen weinen, möchte aggressiv sein (wenn ich damit niemand Anderen verletzte) möchte überdreht und schrill sein und möchte  aus vollem Herzen lieben. Gleichmut ist nichts, was mich momentan glücklicher werden lassen könnte.

Schaut mich an! Ich hatte den Mut mein altes Leben aufzugeben und mich auf die Reise meines Lebens zu begeben. Ohne meinen Antrieb und meine Unerschrockenheit, die ich durch viele Lehren aus meiner Vergangenheit erlangt habe, hätte ich niemals den Mut gehabt, mir diesen Wunsch zu erfüllen.

Ich bin nicht perfekt und möchte es auch gar nicht sein. Vipassana hilft, die Leiden der Vergangenheit aufzuarbeiten und aufzulösen. Ich bin nicht bereit, diese Leiden aufzulösen. Die Schmerzen und Leiden meines bisherigen Lebens, erinnern mich immer daran, wozu ich fähig bin und was ich alles ertragen kann. Wie sollte ich diese „Leiden“ auflösen wollen? Nicht heute und auch nicht morgen.

Aber es ist schön zu wissen, dass es diese Möglichkeit gibt und wer weiss… Vielleicht denke ich eines Tages anders und werde erneut die Möglichkeit ergreifen, diesen Weg zu beschreiten.

Ich bereue es keine Sekunde, dass ich an diesem außergewöhnlichen Kurs teilgenommen habe. Ich habe viel über mich selbst gelernt und durch die Möglichkeit, mich tagelang nur mit mir selbst zu beschäftigen, habe ich endlich einen Entschluss gefasst, wie meine künftigen Schritte aussehen werden.

Ich habe beschlossen, mich in Brasilien niederzulassen. Einen Job zu finden, die Landessprache portugiesisch zu lernen und mir einen neuen Lebensmittelpunkt aufzubauen. Ich möchte einen Großteil meines verbliebenen Reisebudgets dafür investieren, mir eine professionelle Kameraausrüstung zuzulegen und mich intensiv mit der Fotografie auseinanderzusetzen. Dies wird sicherlich Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern, bis ich darin richtig gut bin. Ich habe Zeit! Meine größten Hobbies sind das Reisen, die Musik und das Fotografieren und ich habe eine Lösung gefunden, mir damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich möchte mich auf Konzert und Festival Fotografie konzentrieren. Warum in Brasilien? Mein Wunsch ist es weiterhin, in Strandnähe zu leben, auch wenn es vorerst nicht mit einer eigenen Bar oder einem Hostel sein wird. Vielleicht irgendwann einmal. Ich liebe das Lebensgefühl in Südamerika und ich liebe die Latino-Musik und den Tanz. Ich habe ein bis zwei gute Kontakte nach Brasilien, die bereits versuchen, mir mit einem Job weiterzuhelfen, der mir für den Anfang hilft, meinen Lebensunterhalt und meinen Sprachkurs zu finanzieren. Ich möchte mir dort ein Beziehungsgeflecht für meine spätere Fotografen-Karriere aufbauen und zweifle nicht eine Sekunde daran, dass ich dies nicht schaffen werde. Ich will dies alles von ganzem Herzen und scheue mich nicht davor hart dafür zu arbeiten. Und es wird harte Arbeit. Davon bin ich überzeugt und darauf bin ich vorbereitet. Ich bin überglücklich, dass ich nun weiß, was das nächste Ziel auf der Leiter meines Lebens ist und ich bin voller Tatendrang und positiver Energie!

Intensive und unbequeme Erfahrungen zu machen, können einem die Augen öffnen, auch wenn das Resultat manchmal anderer Art ist als erwartet. Ich habe es nicht geschafft, meinen Geist zu kontrollieren und sehe darin auch gar keine Notwendigkeit mehr. Dafür ist etwas Anderes, Wunderbares passiert: Ich habe endlich einen Entschluss, betreffend meines weiteren Lebens, gefasst.

In diesem Sinne, kommt aus Eurer Komfortzone! Ihr seid meist nur einen Schritt davon entfernt. Und lasst Euch überraschen, wohin Euch das Ganze führt.

Alles Liebe, Eure Tanja

P.S. Entschuldigt die Länge dieses Artikels. Ich hoffe, es war nicht allzu langweilig für Euch. Und Danke fürs Durchhalten, wenn Ihr es bis hier hin geschafft habt :)

P.P.S. Vipassana Mediations Zentren gibt es weltweit in fast jedem Land. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Z.B. im Schwarzwald. Weitere Informationen findet Ihr unter www.dhamma.org Der Kurs mit Unterkunft und Verpflegung ist komplett kostenfrei, denn die besten Dinge im Leben sind kostenlos. Es ist definitv kein Urlaub, aber wenn Ihr Euch darauf einlasst, kann es Euer Leben verändern!

4 Gedanken zu “Vom schweigenden Leben einer disziplinlosen Quasselstrippe im Meditationsknast

  1. Hallo du Quasselstrippe
    Deine große Schwester hat laut schallend über deine Schilderungen gelacht. Wie gerne hätte ich mit dir heimlich die saftige Mandarine geteilt. Diese Geschichte ist klasse. Na dann machs mal gut mit deinen großen Plänen. … Kuss Petra

  2. Hallo liebe Tanja,
    schön mal wieder was von dir zu lesen.
    Ich musste laut lachen über deinen Bericht – habe aber auch mit dir gelitten :-)
    Zugern wäre ich Mäuschen gewesen, als du beim Schreiben erwischt wurdest.
    Ich warte schon immer auf deine neuen Berichte, es ist toll immer wieder Einblicke in dein leben zu bekommen. Du musst deine Geschichten echt irgendwann als Buch zusammenfassen, das wird super!
    Ganz ganz liebe Grüße und ein fester Drücker,
    Carolin

  3. Hallo Tanja,
    deine Berichte sind einfach einmalig :-) Du schaffst es immer wieder, mich zu fesseln und in deine Erfahrungen und Gefühle mit hineinzunehmen.
    Ich war froh, als du die Zeit in diesem Meditationszentrum hinter dir hattest.
    Auf dich trifft das Sprichwort zu „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ und ich denke, besonders wenn dein Herz auch dabei ist…
    Alles Liebe für dich
    Claudia

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